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WarteArt - Erkundungen in einer zeitlichen Zwischenphase

Studentinnen der Europäischen Ethnologie präsentieren die Ausstellung „WarteArt“

[Wir zitieren im Folgenden einen Bericht der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Universität Freiburg vom 3. Mai 2017. Den Ausstellungsband können Sie mit diesem Link abrufen, Fotos zur Ausstellungseröffnung zeigen wir hier.]

 

Heute schon gewartet?

warteart grenze

Fotos: Max Orlich

Menschen warten darauf, irgendwo hineinzukommen, zum Beispiel an Ländergrenzen. Sie warten auch darauf, irgendwo hinauszukommen, etwa aus einer überfüllten Straßenbahn. Sie warten im Kleinen (auf den Aufzug) und im Großen (auf bessere Zeiten). Studentinnen der Europäischen Ethnologie haben in einem einjährigen Projektseminar unter der Leitung von Dr. Sarah May und Dr. Florian von Dobeneck untersucht, wie und worauf Menschen warten, was sie währenddessen empfinden und womit sie sich beschäftigen, um Wartezeiten zu überbrücken.

In ihrer Feldforschung haben sich drei Freiburger Masterstudentinnen mit unterschiedlichen Wartekontexten beschäftigt und präsentieren ihre Ergebnisse nun in der Ausstellung „WarteArt“: Rahma Osman Ali untersuchte Wartesituationen im Verkehr, Ruth Weiand forschte zum Warten in der ärztlichen Praxis und Julia Dornhöfer setzte sich mit Warten im Alter auseinander. Sie beobachteten und interviewten Wartende, warteten selbst und protokollierten währenddessen ihre eigenen Empfindungen. Die Forschungsergebnisse werden in Bildern und Videos, Texten und Sounddateien aufbereitet. Daneben sind Alltagsgegenstände und nachgestellte Räume zu sehen. Julia Dannehl hat mit den Forscherinnen gesprochen und sie gefragt, was ihren jeweiligen Schwerpunkt so besonders macht.

rahma osman ali

Rahma Osman Ali sprach mit Pendlern über Wartesituationen im Straßenverkehr. 
Foto: Ingeborg Lehmann

Inwiefern unterscheidet sich Warten im Verkehr von anderen Wartekontexten?

Rahma Osman Ali: Im Gegensatz zu anderen Wartekontexten gibt es im Straßenverkehr zwei Arten von Wartesituationen. Einerseits gibt es unvorhersehbare Unterbrechungen des Verkehrsflusses, wenn man zum Beispiel im Stau warten muss oder ein Zug ausfällt. Andererseits gibt es aber auch Wartesituationen im Verkehr, die wir nicht bewusst wahrnehmen oder die uns zumindest nicht stören, etwa das Warten an der roten Ampel.

Wie empfinden Menschen das Warten im Verkehr?

 

Sobald eine ungeplante Situation eintritt, wartet man bewusst und fühlt sich der Situation ausgeliefert. Wenn man aber im Vorfeld weiß, dass man früher oder später zum Beispiel auf eine rote Ampel treffen wird, fühlt man sich nicht in seinem Bewegungsfluss gehindert und das Warten wird toleriert. Generell wird Warten aber extrem subjektiv wahrgenommen. Eine Person kann sich von einer Wartesituation gestört fühlen, während es jemand anderes in derselben Situation als angenehm empfindet, sich mal ein paar Minuten nicht auf den Verkehr konzentrieren zu müssen und zum Beispiel in Ruhe seinen Kaffee trinken zu können.

 

warten populär

Musik und Kaffee helfen dabei, Wartezeiten im Verkehr und anderswo angenehm zu gestalten. Fotos: Max Orlich, Ingeborg Lehmann

Womit verbringen Sie am liebsten Ihre Wartezeit?

Wenn ich mal warten muss, muss ich Musik hören, sonst bin ich ziemlich ungeduldig. Dann versuche ich, mich auf alles Mögliche zu konzentrieren und irgendwann wird es unerträglich, weil ich merke, dass die Zeit kaum vergeht. Wenn ich zum Beispiel auf den Zug warten muss, ist es für mich viel angenehmer Musik zu hören als nur herumzustehen und mit anderen Fahrgästen hilflose Blicke auszutauschen. Wenn ich Musik höre, macht mir das Warten nichts.

ruth weiand

Ruth Weiand wartete beim Arzt und untersuchte die Atmosphäre in Wartezimmern. Foto: Ingeborg Lehmann

Inwiefern unterscheidet sich das Warten beim Arzt von anderen Wartekontexten?

Ruth Weiand: Der offensichtlichste Unterschied ist wohl, dass es den Leuten meistens physisch nicht so gut geht und dass auch das, was auf das Warten folgt – nämlich der Arztbesuch – nur selten ein freudiges Ereignis ist. Somit ist das Warten beim Arzt immer ein negatives Warten. Spannend ist hierbei die starke räumliche Dimension, die wir so in anderen Wartekontexten nicht finden: Niemand, der im Wartezimmer sitzt, wartet nicht und keiner der Wartenden kann sich der Situation einfach entziehen, indem er oder sie zum Beispiel weggeht und woanders wartet. Das liegt unter anderem daran, dass man nicht weiß, wie lange man noch warten muss. Daher treten im Wartezimmer Wartepraktiken – die Sitzposition ändern, sich mit dem Handy beschäftigen – sehr komprimiert auf, jeder versucht irgendwie die Wartezeit zu überbrücken. Warten wird ganz klar zu einer zeitlichen Zwischenphase und das Wartezimmer zum Übergangsraum. Dabei herrscht eine ganz besondere Atmosphäre: Jeder ist auf sich gestellt, alles ist sehr anonym. Die Leute reden zum Beispiel kaum miteinander, es ist sehr still, das ist in anderen Wartesituationen anders.

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Das nachgestellte Wartezimmer erinnert die Besucher an die besondere Atmosphäre beim ärztlichen Warten. Foto: Ingeborg Lehmann

Wie empfinden Menschen das Warten in der ärztlichen Praxis?

Jeder der Befragten empfand die Atmosphäre im Wartezimmer und dadurch die gesamte Situation als unangenehm, auch Leute, die sonst eigentlich gerne warten. Mich hat überrascht, dass Menschen überhaupt so viel über das Warten beim Arzt zu sagen haben. Ich hatte damit gerechnet, dass die Leute die Wartesituation eher verdrängen.

Womit verbringen Sie am liebsten Ihre Wartezeit?

Ich bin jemand, der sich gezielt auf Wartesituationen beim Arzt vorbereitet. Ich hole mir dann beim Bäcker einen Kaffee und irgendwas Leckeres, was ich mir normalerweise nicht holen würde und nehme meine Uni-Unterlagen mit. So kann ich die Zeit konstruktiv nutzen und zum Beispiel Texte für meine Seminare lesen. Daher bin ich auch ein Mensch, der an sich ganz gerne beim Arzt wartet, weil ich da Sachen frühzeitig erledige, die ich dann nicht mehr zuhause machen muss.

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Julia Dornhöfer besuchte hochaltrige Menschen in Pflegeheimen und zuhause und befragte sie zu Wartesituationen in ihrem Alltag. Foto: Ingeborg Lehmann

Inwiefern unterscheidet sich Warten im Alter von anderen Wartekontexten?

Julia Dornhöfer: Warten ist eine Praktik, die kulturell und historisch, aber auch biographisch eingebettet ist. Wenn jemand in seinem Leben eine wirklich existenzielle oder tief emotionale Wartesituation erlebt hat, bewertet er nachfolgende Wartesituationen anders. Wenn also jemand zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg miterlebt und auf Nachricht von Angehörigen gewartet hat, erscheinen ihm andere Wartesituationen gar nicht mehr so relevant. Außerdem ist besonders, dass Warten im Alter sehr schnell in Wünsche übergeht. Warten wurde von meinen Gesprächspartnerinnen häufig als „Erwarten“ gedeutet. Dabei hat mich die große Bescheidenheit sehr berührt. So habe ich mit einer Dame gesprochen, die einfach nochmal gerne den großen Sternenhimmel auf freiem Feld betrachten möchte. Darin liegt für mich als jüngerer Mensch auch ein Verweis darauf, was am Ende wichtig ist.  Warten findet also oft im Kontext „Was ich gerne noch mal erleben würde“ statt.

Wie empfinden ältere Menschen Wartesituationen?

Der Alltag hochaltriger Menschen ist sehr stark routiniert, er verfolgt ein immer gleiches, starres Muster – das gibt den Menschen Sicherheit. Ich hatte das Gefühl, dass alltägliche Wartesituationen wie das Warten aufs Essen oder auf den Pfleger so stark in den Alltag eingebunden sind, dass sie mehr oder weniger selber schon als Routine wahrgenommen werden. Im Alter fallen viele Dinge weg, die unser Leben vorher strukturiert haben: Berufstätigkeit, das Versorgen der Familie und so weiter. Spannend war, dass an diese Stelle dann einfach andere Dinge treten, die den Tagesrhythmus bestimmen, etwa Arzttermine, Essen oder das wöchentliche Rummikub. Das Warten wird also nicht mehr als solches wahrgenommen und wird deswegen weniger unangenehm.

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In diesem nachgestellten Zimmer einer hochaltrigen Person können Ausschnitte aus den Interviews angehört werden. Foto: Ingeborg Lehmann

Wie verbringen Sie am liebsten Ihre Wartezeit?

Ich gehöre zu den Menschen, die total froh sind, wenn sie mal zehn Minuten in die Welt gucken können und nutze das gerne als „Denkpause“. Das genieße ich sehr. Ich höre auch Musik und lese, aber ich bin schon jemand, der einfach gerne beobachtet und die Welt auf sich wirken lässt und über die Dinge nachdenkt, die passieren.

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Neben Ausstellungsstücken zu den Themengebieten Verkehr, Arzt und Alter sind auch Gegenstände zu sehen, mit denen Zeit auf kreative Art gemessen werden kann. 
Fotos: Ingeborg Lehmann, Max Orlich

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